Wenn wir jemanden als Optimisten oder Pessimisten bezeichnen, schreiben wir ihm damit eine Persönlichkeitseigenschaft zu. Wir gehen davon aus, dass dieser Mensch sich in vielen verschiedenen Situationen pessimistisch oder optimistisch zeigen wird. Und wir glauben dann, dass die Person diese Eigenschaft auch noch recht lange auf diese Weise an den Tag legen wird. Es gibt jedoch in der Psychologie auch Konzepte, die bestimmte Arten von Optimismus und Pessimismus nicht als Persönlichkeitseigenschaft, sondern als Strategie verstehen. Strategien sind flexibel einsetzbar. Das bedeutet, sie werden nur in bestimmten Situationen genutzt. Die Anwendung der Strategie muss dem entsprechenden Individuum übrigens nicht bewusst sein. Sie sind sozusagen wie Werkzeuge, über die wir versuchen ein Ziel zu erreichen. Es kann im Laufe der Zeit dazu kommen, dass wir dieses Werkzeug gegen ein anderes austauschen oder es überhaupt erst einmal ausprobieren, wenn wir es zuvor noch nie genutzt haben. Strategien sind also weniger konstant als Persönlichkeitsgenschaften.

Eines dieser Konzepte ist der defensive Pessimismus1.


Unrealistisch deshalb, weil die Person in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hat, dass sie ähnliche Umstände durchaus erfolgreich meistern kann. Ein prominentes Beispiel ist Simone, die Gewinnerin der Germany’s Next Topmodel Staffel von 2019. Vor den meisten Shootings flossen die Tränen und sie zeigte sich jedes Mal völlig aufgelöst, da sie zu zweifeln schien, die Herausforderung bewältigen zu können. Dennoch meisterte sie die gestellten Aufgaben jedes Mal mit Bravour.

Der defensive Pessimismus ist ein Tool, um mit negativen Anspannungszuständen umzugehen. Damit sind Angst, Besorgnis und Aufregung gemeint. Er zielt darauf ab, das eigene Verhalten zu regulieren.
Nun könnte man vermuten, dass die niedrigen Erwartungen im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung dazu führen, dass das defensiv pessimistisch handelnde Individuum niedrigere Leistungen erbringt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Tatsächlich spielen bei diesem Konzept nicht nur das Herabsetzen der Erwartungen eine Rolle, sondern ebenso die mentale Reflexion möglicher Ausgänge. Dabei werden nicht nur negative Optionen betrachtet. Auch positive Erwägungen fließen hier mit ein. Die Person bereitet sich also mental auf verschiedene mögliche Szenarien vor, wodurch sie ein Gefühl der Kontrolle gewinnt und dadurch in die Lage versetzt wird, die bevorstehende Herausforderung anzugehen1.

Leider scheint diese Strategie ausschließlich günstig für Menschen zu sein, die generell eher ängstlich sind1. Man kann den defensiven Pessimismus vor diesem Hintergrund als Bewältigungsstrategie zum Umgang mit der Ängstlichkeit betrachten, der verhindert, das die Betroffenen von diesen Anspannungszuständen gelähmt und damit handlungsunfähig werden. Allgemein scheint es jedoch so, dass defensiver Pessimismus insgesamt weniger effektiv ist, als strategischer Optimismus. So zeigten z.B. College-Studenten, die eher defensiv pessimistisch an ihr Studium gegangen waren nach drei Jahren mehr körperliche und psychologische Symptome, als Studenten, die diese Strategie nicht nutzten1. Darüber hinaus scheint diese Herangehensweise uns nicht vor negativen Emotionen zu schützen, die durch ein tatsächliches Versagen entstehen2. Auch im Umgang mit anderen kann der defensive Pessimismus ungünstige Konsequenzen haben. Wenn wir uns an Simone von GNTM erinnern, so brachte sie das Herunterspielen ihrer erwarteten Leistung in eine enorme Außenseiterposition bei ihren Mitstreiterinnen, da diese ihre emotionalen Ausbrüche – vor dem Hintergrund, dass Simone dennoch immer wieder eine hervorragende Leistung brachte – nicht mehr ernst nahmen.

Im folgenden Video wird der defensive Pessimismus noch einmal in Kürze erklärt:

Literaturverzeichnis

1Norem, J. K. (2002). Defensive pessimism, optimism, and pessimism. In E. C.-H. Chang (Hrsg.), Optimism & pessimism. Implications for theory, research, and practice (2. Aufl., S. 77–100). Washington, DC: American Psychological Association.
2Brown & Marshall zitiert nach Sharot, T. (2014). Das optimistische Gehirn. Warum wir nicht anders können, als positiv zu denken. Berlin: Springer Spektrum.