Ob jemand eine Psychotherapie braucht, ist verknüpft mit der Frage danach, ob jemand gesund oder krank ist. Eine Frage, die man sich häufig zuerst stellt, wenn man Unterstützung sucht. Es gibt keinen Fragebogen, welcher sie einfach beantworten kann und es dauert Jahre zu lernen, die fein graduierten Facetten, die Gesundheit bzw. Krankheit im psychologischen Bereich ausmachen, voneinander unterscheiden zu können. Am günstigsten ist dafür ein erster Kontakt, in welchem ich Sie kennenlerne.

In meinen Angeboten zur psychologischen Online-Beratung erwähne ich immer wieder, dass Beratung „Hilfe zur Selbsthilfe“ darstellt, jedoch keine Problematiken mit Krankheitswert behandeln kann. Dies heißt nicht, dass Personen mit krankheitswertigen Thematiken nicht von einer Beratung profitieren können. Doch es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass bei tieferliegenden psychischen Störungen eine tiefergehende Therapie auf Dauer unumgänglich ist. Manch einen stellt das unter Umständen vor die Frage: „Bin ich denn nun noch gesund oder fällt mein Anliegen schon in einen krankheitswertigen Bereich?“. Vielleicht beruhigt es Sie nun zu lesen, dass diese Frage auch von Fachleuten nicht immer leicht zu beantworten ist.
In der Medizin scheint die Einteilung in die Kategorien „gesund“ und „krank“ recht simpel. Wer körperliche Gebrechen, Ausfallerscheinungen, kurz gesagt, bestimmte Symptome zeigt, die definierte Grenzwerte über- oder unterschreiten, ist mehr oder weniger krank. Zumindest ist das unser Alltagsverständnis von diesen Begriffen. Doch wenn man genau darüber nachdenkt, ist es gar nicht so einfach, genau zu erfassen, was Gesundheit oder Krankheit eigentlich ausmachen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte in den 1950er Jahren Gesundheit als „Zustand vollkommenen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens“ (WHO nach Wittchen, 2006, S. 27). Diese Definition wirkt nahezu unerreichbar. Sie bildet einen Idealzustand ab, der kaum mit der Realität vereinbar erscheint. Unser Körper und unser Geist sind komplexe Entitäten, in denen es immer mal zu Fehlregulationen kommen kann. Doch nicht jeder, der ein Symptom spürt, fühlt sich automatisch krank. Gesundheit und Krankheit sind also etwas Subjektives. Darüber hinaus legt aber auch unser Umfeld – das direkte wie die Gesellschaft – fest, was als gesund oder krank betrachtet wird. Leichte Kopfschmerzen beispielsweise sind in unserer Kultur nicht unbedingt ein Kriterium, um sich krankschreiben zu lassen. Dies ist die soziale Komponente. Zu guter Letzt hängt die Nutzung beider Begriffe auch davon ab, ob und in welchem Ausmaß jemand seine zugetragenen Funktionen erfüllen kann, z.B. in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit des/der Betroffenen.
In der Psychologie wird die Einschätzung, ob jemand gesund oder krank ist darüber hinaus durch den Umstand erschwert, dass Erkankungssymptome nicht immer von außen ersichtlich oder objektiv messbar sind. Bis heute gibt es keine einheitliche Definition für die Begriffe psychische Krankheit bzw. psychische Gesundheit. Krankheit und Gesundheit werden hier heutzutage als Kontinuum verstanden. Dies bedeutet, es gibt keinen klaren Schnitt zwischen dem gesunden und dem kranken Zustand. Sondern an einem fiktiven Pol steht die Krankheit und an dem anderen die Gesundheit. Der Übergang zwischen beiden Zuständen ist fließend. Jedes Individuum befindet sich auf einem bestimmten Punkt zwischen beiden Polen. Diese Position ist selbstverständlich nicht statisch, sondern kann sich mit der Zeit ändern. Bei der Beurteilung, ob eine Störung mit Krankheitswert vorliegt, muss berücksichtigt werden, wie selten das spezifische Erleben und Verhalten auftritt, ob es von den sozialen Erwartungen abweicht, wie stark der/die Betroffene leidet und wie stark er/sie in der Ausübung seiner/ihrer Funktionen beeinträchtigt ist (Rief & Stenzel, 2012).
Sie sehen also, dass es in der Tat keine leichte Übung ist, selbst einzuschätzen, ob man eine Therapie benötigt oder eine Beratung ausreicht. Sollten Sie sich ohnehin einem Therapeuten vorstellen wollen, wird dieser in den Erstgesprächen eine entsprechende Einschätzung vornehmen. Manchmal ist die Unsicherheit jedoch so groß, dass es sich lohnt, den möglichen Schritt in eine Psychotherapie mit einer unabhängigen Instanz zu besprechen. In diesem Fall können Sie jederzeit auf meine Beratungsangebote zurück greifen.




Literaturverzeichnis
Rief, W. & Stenzel, N. (2012). Diagnostik und Klassifikation. In M. Berking & W. Rief (Hrsg.), Klinische Psychologie und Psychotherapie für Bachelor. Band I: Grundlagen und Störungswissen (Springer-Lehrbuch). Berlin, Heidelberg: Springer.
Wittchen, H.-U. (2006). Diagnostische Klassifikation psychischer Störungen. In H.-U. Wittchen & J. Hoyer (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie (Springer-Lehrbuch Bachelor/Master). Heidelberg: Springer-Medizin-Verlag.


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